12 Dez. Warum Hochsensibilität falsch eingeschätzt werden kann
Und warum wir alle hoch sensibel sind.
Nach wie vor gibt es relativ viele offene Fragen bei der Erforschung der hohen Reizempfänglichkeit.
Einige Ungenauigkeiten bestehen zB bei der Frage nach Parallelen zu psychischen Erkrankungen oder bereits umfassend beschriebenen Persönlichkeitsmerkmalen. Ob Hochsensibilität nur ein Modewort ist oder ob Psychologie und Neurowissenschaften wirklich einem interessanten Phänomen auf der Spur sind, bleibt abzuwarten. In erster Linie stellt sich die Frage, ob eine hohe Sensitivität in der Reizverarbeitung angeboren (also ein Persönlichkeitsmerkmal) oder erworben sein könnte.
Leider wird der Begriff der Hochsensibilität an vielen Stellen immer noch sehr undifferenziert behandelt. Häufig wird bemängelt, dass
a) sich mit den Kriterien, die Hochsensibilität beschreiben, fast jeder Mensch hin und wieder identifizieren könne
b) diese Beschreibungen kaum abgrenzbar zu Symptomen vieler psychischer Erkrankungen seien.
Diesen Kritikpunkten stimme ich zu. Dr. Arons ausführlicher Forschungsarbeit zum Trotz lädt der eingedeutschte Begriff der hochsensiblen Persönlichkeit in seiner begrifflichen Unschärfe dazu ein, dass sich fast jeder Mensch irgendetwas darunter vorzustellen vermag. Es zeigt anschaulich, wie ungünstig sich sprachliche und wissenschaftliche Ungenauigkeit auswirken kann. Fast niemand in der Öffentlichkeit verwendet den korrekteren Begriff der „Sensory Processing Sensitivity“, der viel treffender umschreibt, was die Hypothese der Existenz von Hochsensibilität eigentlich meint. Auch hat Dr. Aron versucht, genau abzugrenzen, wann wir eher von „Neurosen“, psychischen Auffälligkeiten bzw. psychiatrischen Diagnosen sprechen müssen. Ich bin an dieser Stelle nicht sicher, ob dies Dr. Aron ausreichend gelungen ist. Zurzeit forscht in Deutschland vor allem Dr. Susanne Konrad von der HSU Hamburg zum Phänomen „Hochsensibilität“ und zeigt sich bislang ebenfalls kritisch zur Frage der Eindeutigkeit der Merkmalszuschreibung von Hochsensibilität.
Diese Kritikpunkte sind meines Erachtens ausschlaggebend dafür, dass Hochsensibilität solange eine Hypothese bleibt, wie die wenigen Belege nicht an Eindeutigkeit gewinnen. Auch wenn die positive Auswirkung von Salutogenese (die Wissenschaft der Entstehung und Erhaltung von Gesundheit) gegenüber Pathogenese (die Wissenschaft der Entstehung und Begünstigung von Krankheit) selbstverständlich bedeutsam ist: Es ist dennoch ohne Zweifel fahrlässig, Diagnosen zu verwässern oder Menschen trotz signifikanter diagnostischer Kriterien nicht entsprechend aufzuklären und zu behandeln. Meiner Einschätzung nach kann sich eine psychische Erkrankung aufgrund der positiven Bestärkung einer vermuteten Hochsensibilität durch unerfahrene Berater*innen auf diesem Gebiet negativ manifestieren (beispielsweise kann der Vorschlag, sich Rückzugszeiten zu nehmen, die Symptome einer vorhandenen Angsterkrankung oder Persönlichkeitsstörung verstärken). Hier braucht es Erfahrung, Feingefühl, fundierte psychiatrische Kenntnisse und natürlich auch Menschenkenntnis.
Es ist sehr gut möglich, dass sich weitaus mehr Menschen als hochsensibel / hochsensitiv identifizieren, als es tatsächlich sind.
Häufig geht es Klient*innen um die korrekte (Selbst-) Einschätzung ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen hochsensiblen und hochsensitiven Persönlichkeitsaspekte. Und dies in erster Linie, um Erkenntnisse darüber zu erlangen, wie mehr Lebensqualität erzielt werden kann. Sehr wenige Menschen, die in meine Praxis kommen, sind zutiefst davon überzeugt, nur hochsensibel zu sein. Jene Klient*innen identifizieren sich stärker mit der Hochsensibilität, erfahren hierüber ein Gefühl von Zugehörigkeit und erhoffen sich mehr Anteilnahme für sich und ihre Gefühle.
Geht man den dahinter liegenden Wünschen auf den Grund, wird oft eine ganz andere Problematik sichtbar. Im Ursprung behandelt, rückt die Annahme, „hochsensibel zu sein“ oft in den Hintergrund.
Die meisten meiner Klient*innen und Patient*innen gehen jedoch offen und selbstreflektierend mit der Frage um, ob die erhöhte Reizempfänglichkeit denn auch mit lebensgeschichtlichen oder aktuellen Belastungen zusammenhängen könnte. Oder ob das Eine das Andere begünstigen könnte. Diese reflektierende Haltung empfinde ich als äußerst nützlich, insofern sie erst ermöglicht, Patient*innen adäquat zu behandeln und Klient*innen umfassend zu beraten. Letztendlich müssen diese Fragen zum Teil unbeantwortet bleiben – Was bleibt, ist aber ein ganz anderer Umgang mit der eigenen Persönlichkeit.
Erst durch die Annahme dessen, was ist, können wir Veränderungen erzielen. Annahme bedeutet keineswegs Resignation. In der Annahme liegt so viel Selbstliebe begründet, dass daraus eine starke Fürsorge für die eigenen und die Bedürfnisse anderer erwachsen kann. Das öffnet wieder für die Tatsache, dass wir alle zutiefst fühlende Wesen sind.
Wir werden sensibel geboren.
Letztlich jedes geborene Menschenkind (bei Tierkindern ist es ebenfalls so) ist ein spürendes, fühlendes, seine Umwelt be- und im Laufe der Zeit zunehmend aktiver ergreifendes Wesen, dessen Leben von dieser Austauschfähigkeit abhängt. Babys interagieren von Anfang mit ihrer Umwelt und sind keineswegs passive Empfänger. Sie ertasten und erspüren sehr genau die Atmosphäre im Raum, die Stimmungen ihrer Bezugspersonen und die Beziehungsebenen zwischen den anwesenden Personen. Diese tiefe Fähigkeit des Spürens macht uns zu lebendigen, beziehungsfähigen Wesen und beinhaltet gleichzeitig so viele Möglichkeiten für Störungen im System. Das Auftreten solcher „Störungen“ ist bei Weitem keine Ausnahme und so vielfältig und häufig der Fall, dass es im Grunde als „Normalität“ betrachtet werden kann. Das heißt natürlich nicht, dass daraus entstehende psychische Belastungen deswegen unbehandelt bleiben sollten. Viele seelische Erkrankungen sind heute sehr gut behandelbar.
Psychische Erkrankungen mit hochsensibler Symptomatik können zu Verwechslungen führen.
Eine umfassende Anamnese und Diagnostik können natürlich nur dafür ausgebildete Personen (meinen Ausbildungshintergrund finden Sie hier) in einem persönlichen Kontakt durchführen. Ich will Ihnen dennoch einen kleinen, beispielhaften Überblick darüber geben, welche Krankheitsbilder in ihrer Symptomatik den Merkmalen der in der Literatur beschriebenen „Hochsensibilität“ ähneln. Vor allem die Verwechslungsgefahr mit einer emotionalen Hypersensibilität, die bei vielen psychischen Belastungen auftritt, ist groß.
Die „Sensory Processing Sensitivity“ kann natürlich auch Bereiche der Gefühle und des Zwischenmenschlichen einschließen, ist aber keineswegs darauf begründet.
Deutlich wird, dass das Label „Hochsensibilität“ bislang in seiner Merkmalsbeschreibung oft so ungenau weitergegeben wird, dass es, wenn wir diagnostische Kriterien als Ausschlusskriterien heranziehen würden, einen deutlich geringeren Anteil der Menschen mit diesem Persönlichkeitsmerkmal geben müsste. In der Forschung wird Hochsensibilität jedoch vielmehr als unabhängiges Persönlichkeitsmerkmal betrachtet, welches das Auftreten psychischer Erkrankungen signifikant begünstigen kann. Vor allem die als negativ empfundenen Aspekte der gemutmaßten Hochsensibilität können auf eine Erkrankung hinweisen.
(Bindungs-)Trauma und Traumafolgestörungen
Die meisten, wenn nicht alle Merkmale von Hochsensibilität finden wir in der Symptomatik unbehandelter traumatisierter Menschen wieder. Viele Menschen wissen noch nicht einmal, dass sie traumatisiert sind. Wer sich mit der Hochsensibilität auseinander setzt bzw. besonders darunter leidet, sollte diesen Aspekt unbedingt mitdenken. Es ist möglich, dass die Biographie kleinere und/oder größere Entwicklungstraumata aufweist. Wer traumatisiert ist, reagiert oft empfindsam, furchtsam oder schreckhaft auf äußere Reize, ist schnell erschöpft, leicht reiz- und nervlich erregbar, sensibel und steht unter großer Anspannung. Das Trauma „sitzt“ tief im Körper und fühlt sich in aller Regel äußerst „hochsensibel“ an. Traumatisierte Patient*innen finden sich permanent in Zuständen von Übererregung bis zur völligen Überflutung wieder, was wir ebenfalls als typische Beschreibung in der Literatur zur Hochsensibilität finden. Sie springen aufgrund eines Mangels an Selbstregulationsfähigkeit sozusagen ständig aus ihrer Stresstoleranz heraus bzw. haben ein sehr kleines „Window of Tolerance“ (= Fenster der Toleranz), wie es in der Fachsprache heißt. Therapeut*innen, die auf Hochsensibilität spezialisiert sind, sollten umfassende Kenntnisse über Trauma haben.
Persönlichkeitsstörungen / Persönlichkeitsakzentuierung
Meist als Folge früher Traumatisierungen entstanden, zeigen sich Persönlichkeitsstörungen vor allem in Beziehungen zu anderen Menschen. Gestalten sich Beziehungen immer wieder als besonders schwierig bis unmöglich und leiden auch (oder manchmal auch nur) andere unter dem oft auch unflexiblem Verhalten, kann eine Persönlichkeitsstörung die Ursache sein. Eine hohe Sensibilität und Sensitivität finden wir vor allem bei der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung, bei der selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung, bei der abhängigen Persönlichkeitsstörung und zum Teil bei der histrionischen Persönlichkeitsstörung. Persönlichkeitsstörungen sind heute viel besser behandelbar als noch vor einigen Jahren.
Affektive Störungen
Dazu zählen u.a. Ängste und Depressionen. Der sicherste Indikator, Depressionen von einer hypothetischen Hochsensibilität zu unterscheiden, ist das zeitlich begrenzte Auftreten derer Symptome, die in der Beschreibung der Hochsensibilität ähneln. Wer depressiv ist, fühlt sich auch hochsensibel, leidet aber besonders darunter, dass es „früher einmal anders“ war und hat darüber hinaus in aller Regel weitere typische Symptome, die sich unbehandelt im Verlauf verstärken können. Manche Symptome sind sehr eindeutig, manche eher versteckt. Auch wenn es eine genetische Komponente gibt, so treten Depressionen episodenhaft auf. Die Ausnahme bildet die sogenannte Dysthymia als chronische depressive Verstimmung über die Dauer von mindestens zwei Jahren. Es ist daher in jedem Fall ratsam, eine medizinisch-psychotherapeutisch geschulte Person zu Rate zu ziehen, wenn Sie sehr unter „hochsensiblen“ Gefühlen leiden.
Eine Angsterkrankung führt oft zu Vermeidungsverhalten; der Blick auf das Leben wird enger, der Handlungsspielraum ist eingeschränkt und wird zunehmend von der Angst bestimmt. Diese Erkrankung mit einer „Hochsensibilität“ zu „verwechseln“, kann besonders gefährlich sein. Das Vermeiden von Reizen mag bei Überreizung des Nervensystems ab und an sinnvoll sein, ist bei einer Angsterkrankung jedoch kontraindiziert. Hier muss ein*e Therapeut*in oder ein*e Berater*in sehr genau und gewissenhaft vorgehen.
ADS / ADHS
Mit am ungenauesten und schwierigsten ist die Einschätzung bei Hochsensibilität und AD(H)S. Als Hauptunterscheidungsmerkmal werden meist die Konzentrationsfähigkeit und Ablenkbarkeit genannt. Hochsensible Menschen können zwar bei Reizüberflutung ebenfalls äußerst ablenkbar sein, wodurch auch die Konzentrationsfähigkeit eingeschränkt werden kann. Sie können sich unter störfreien Rahmenbedingungen aber i.d.R. sehr gut konzentrieren, Menschen mit AD(H)S nicht (Hyperfokus ausnehmend).
Narzisstische Familienstrukturen, Komplementärnarzissmus
Ist eine hohe Sensibilität vor allem im Bereich der Gefühle und Beziehungen wahrnehmbar, ist es möglich, dass frühe Beziehungserfahrungen in einer narzisstischen Familienstruktur geprägt wurden. Das Aufwachsen in einem pathologisch narzisstischen Umfeld kann die Ausbildung einer eigenen Persönlichkeitsstörung oder eine entweder rebellische oder „falsche“, selbstentfremdete Identität begünstigen. Diese Kinder sind oft schon früh in ihrem Leben sehr angepasst und entwickeln ein seismographisches Feingefühl für zwischenmenschliche – auch unausgesprochene – Dissonanzen und Doppelbotschaften, die in narzisstischen Familien an der Tagesordnung sind. Diese Fähigkeit war einst überlebenssichernd und kann sich prägend auf das ganze weitere Leben auswirken. Wenn seelische oder körperliche Gewalt den Alltag in der Kindheit bestimmten, sind Körper und Geist in ständiger „Hab-Acht-Stellung“. Im Erwachsenenalter zeigen sich oftmals neurotische Strukturen, innerhalb derer diese alten Muster aufrecht erhalten werden (mussten). In der Psychotherapie können diese Mechanismen reflektiert und verändert werden.
Autismus-Spektrum
Eine hohe Reizempfänglichkeit ist bei Menschen im Autismus-Spektrum symptomatisch. Betroffene sind rasch überfordert von vielen sensorischen Reizen wie grellem Licht, Geräuschen oder bestimmten Oberflächen.
Hypersensitivitätserkrankungen
Verschiedene Typen der Hypersensitivität (hohe körperbezogene Reizempfindlichkeit) können sich zeigen u.a. als Haut-, Darm- oder Entzündungserkrankungen.
Haben Sie Fragen, Anregungen oder Ergänzungen? Schreiben Sie es mir in die Kommentare oder per Email an: kontakt@beziehungswerk-mainz.de

Hörmann Anne
Posted at 18:43h, 26 Dezember…das in Ihrem Fall beschriebene vermutlich schmerzhaft erworbene Feingefühl für Dissonanzen und double binds bringt nicht nur überangepasste Individuen, sondern sicher auch Rebellen hervor, die früh unangepasst den Mut zum Ungehorsam besitzen. Geht man von einer a Priori dem Menschen innewohnenden hohen Sensibilität aller Sinne aus, kann die Eigenschaft der Hypersensibilität in der Schatz der Ressourcen gelegt werden. Schade nur, dass innerhalb grobschlächtiger Gesellschaftsstrukturen dies als Makel angesehen wird. Entscheident ist allein, was aus der Sensibilität gemacht wird oder gemacht werden kann. Das Aufwachsen in einem narzisstischen / persönlichkeitsgestörten / traumatisierenden Umfeld ist in jedem Fall eine schwere Bürde, die hier zu Lande nur von äußerst wenigen Spezialisten überhaupt aktiv wahrgenommen wird, aber ansonsten gerne in die Eigenverantwortung „weggebügelt“ wird. Die aus kausalen Zusammenhängen derartiger Familienverhältnissen entspringenden Schäden, beschädigen letztendlich das ganze Leben, im Sinne biografischer Möglichkeiten und Beziehungen. Je nach vorherrschender Lehrmethode wird der Schaden ganz leicht und auch gerne noch als Erkrankung verortet. Daraus hervorgegangene tatsächliche psychische Schädigungen sollen hier natürlich nicht negiert werden.
Müller, Peter
Posted at 13:42h, 23 OktoberAuch eine schizoide Struktur wie Alexander Loewen sie beschreibt, scheint auf den zweiten Blick eines Vergleiches wert. Sozusagen die ständige Bedrohung durch abgespaltene Gefühle (sowie infolge deren inadäquate Regulation) als Grund für hohe subjektiv wahrgenommene Empfindlichkeit. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?
Gast
Posted at 14:31h, 19 DezemberAufwachsen mit psychisch kranken Eltern macht sehr sensibel in Bezug auf Stimmungen. Mir hat der Begriff der Hochsensibilität zunächst sehr geholfen. Da ich aber jemanden kenne, der gerade in Bezug auf riechen und schmecken deutlich sensibler ist, ist bei mir etwas zusammengebrochen, bei der Erkenntnis, dass ich doch nicht hochsensibel sein könnte. Das nimmt mir etwas von meiner Identität und Persönlichkeitseigenschaften, die ich durch die Hochsensibilität eigentlich als Stärke verstanden habe. Ich halte es nun eher für problematisch, dass sich Hochsensible bestimmte Perönlichkeitseigenschaften wie Feinfühligkeit, Empathie, Sozialkompetenz und Kreativität in besonderem Maße zuschreiben. Ich weiß nicht, ob das stimmt.
Vanessa Jilg
Posted at 12:35h, 10 NovemberDanke für diesen wichtigen Beitrag!
Eva Maria
Posted at 09:09h, 25 FebruarNicht so neidisch sein, Leute.
D. B.
Posted at 20:06h, 07 NovemberHier wurden einige wichtige Erkenntnisse zur HS beständig ignoriert:
1. HS ist nicht pathologisch sondern umschreibt eine (mit 15-20% relativ gängige) gesunde Persönlichkeitsfacette. Dieser stetige Vergleich mit diversen psychiatrischen Störungungen hinkt also gewaltig! Herausforderungen des Alltags (die von HSP tagtäglich ohne weiteres gemeistert werden) mit dem alltagseinschränkenden Leid (=Voraussetzung wenn wir von Phatologien sprechen), welches beispielsweise Angstpatienten empfinden, gleichzusetzten ist wirklich wenig sensibel ;).
2. Hat man sich mit der Thematik befasst, statt nur blind darüber zu urteilen, dürfte eigentlich auch bekannt sein, dass bezüglich HS zwar eine spezielle Reizverarbeitung angenommen wird, jedoch der erlernte Umgang dsmit (Umweltfaktoren – insbesondere im früher Kindheit) letztendlich darüber entscheidet, ob sich diese sensible Persönlichkeitsstruktur späzer als Ressource oder Risikofaktor entpuppt.
Nichts neues also…nur die längst überfällige Neubewertung von Sensibilität/Reizoffenheit, die in der Vergangenheit (und wie man hier sieht auch teilweise heute noch) per se als Risikofaktor betrachtet wurde. Die HS-Forschung zeigt nun schlichtweg auf, dass wir durch diesen defizitorientierten Blick lange Zeit übersehen haben, dass es neben den pathologischen Verläufen, offenbar deutlich mehr gesunde, erfolgreiche sensible/reizoffene Menschen gibt.
Vanessa Jilg
Posted at 12:34h, 10 NovemberHallo D.B,,
vielen Dank für Ihren Kommentar. Vielleicht haben Sie das überlesen oder anders gedeutet, als es gemeint war, aber in meinem Artikel geht es ja genau nicht um einen Vergleich, sondern eine Abgrenzung zu unterschiedlichen psychiatrischen Krankheitsbildern. Für die Behandlung und/oder Begleitung von Menschen, die mit einem Leidensdruck zu mir in die Praxis kommen ( und das sind nun mal die, mit denen ich es ja zu tun habe 😉 ), ist das ja durchaus relevant. Das gilt sowohl in die eine als auch die andere Richtung. Menschen, die mit einer HS gut und glücklich durchs Leben kommen, tauchen bei mir ja in der Regel nicht auf 🙂
Herzlichen Dank, dass Sie sich eingebracht haben!
Rita Braun
Posted at 15:46h, 04 AugustHallo! Es gibt ja die Unterscheidung zwischen Hochsensibilität (die 5 körperlichen Sinne) und Hochsensitivität (der 6. Sinn, Emotionen, Empathie), die Anne Heintze in ihrem Buch beschrieben hat. Die finde ich sehr sinnvoll, denn es geht ja vielen so, dass sie bei den 5 körperlichen Sinnen normalsensibel sind, aber eine stark ausgeprägte Hochsensitivität haben. Ich finde das sehr hilfreich.
Grebler, Martina
Posted at 08:59h, 21 AugustLeider werden hier immer nur die negativen Aspekte der HSP genannt. Tatsächlich treten aber doch bei HSP sowohl starke negative Reize/Empfindungen also eben auch starke positive Reize/Empfindungen auf. Wenn man dies berücksichtigt ist eine Abgrenzung zu den genannten psychiatrischen Störungen relativ leicht möglich.
Komplizierter wird es wohl dann, wenn die HSP (wie es oft vorkommt) zusätzlich eine Depression entwickelt.
Vanessa Jilg
Posted at 14:33h, 20 SeptemberDas ist ein guter Punkt, danke für Ihren Beitrag! Dieser zurecht kritisierte Fokus liegt sicherlich daran, dass ich psychotherapeutisch arbeite – Somit neigt sich der Schwerpunkt meiner Betrachtung hier in Richtung der „behandlunsbedürftigen“ Aspekte, welche mir in der Praxis begegnen.
Sie haben natürlich vollkommen recht, dass das in dem Falle eine einseitige Sicht ist. Da es mir hier um die Abgrenzung zu psychiatrischen Diagnosen ging, habe ich dem von Ihnen genannten Blickwinkel in meinem Artikel nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt 🙂
Andreas Bartholomäus
Posted at 05:23h, 01 MärzHallo Vanessa, danke für den Kritischen Beitrag, ich als HSP verspüre gerade den inneren Drang zu dem Thema etwas beizutragen, vielleicht hilft es ja irgendwie und Stelle direkt zum Anfang, mit hinblick auf persönlichen Erfahrungen, mal eine steile These auf: Den meisten hochsensiblen Menschen ist deren Hochsensibilität vordergründig garnicht bewusst, weil diese sich selbst als ganz normal wahrnehmen (bis man auf das Thema trifft) und das auch, obwohl im vergleich mit Mitmenschen doch offensichtliche bis gravierende Unterschiede in allem möglichen (manchmal) erkennbar sind!
Darüber macht man sich allerdings überhaupt keinen Kopf, zumindest, so ist es bei mir, wenn man sich in der psychologischen Trias Demut-Mut-Hochmut aufgrund der eigenen Ideologiesetzung (bei Mir damals als 13 jähriger bzgl. eines belastenden Sozialkonflikt und der Frage ob Hass/Negativ-emotional o. lieber an das „Gute im Menschen glauben“ als innere Reaktion… natürlich das zweitere, warum sich selber noch „negativ-verkopft“ dafür belasten wenn andere einen ungerecht behandeln?) eher im Bereich Demut-Mut bewegt.
Zum Beispiel habe Ich eine seelisch-tiefe emotionale Interpretation von Musik, weswegen ich Musik liebe und der so gesagt positiv-emotionale Input welcher sich aus dem Musik hören ergibt ist ein wichtiger Bestandteil meiner – so wie ich es nenne – seelisch ausgezeichneten Selbstliebe sowie inneren Gleichgewicht/Harmonie, was aber an sich nicht der eigentliche Grund bzw. die Herangehensweise für das Musik hören ist, sondern die leidenschaftliche Hingabe zur Musik! Das habe ich immer als nichts besonderes empfunden und wäre garnicht erst auf die Idee gekommen das dies bei anderen Menschen nicht so ist. Allerdings habe ich, was mich nicht wirklich stört, auch das Gefühl damit ziemlich alleine zu sein auf der Welt – was ich den „Alien-Faktor weil der einzige seiner Art“ nenne – weil ich tatsächlich nur „zwischenmenschlich zwei Personen in meinem Leben getroffen habe denen es genau so geht und man sich darüber auch ausgetauscht hat, was für mich beides mal allerdings in einer seelischen Katastrophe geendet ist. Einmal in jungen Jahren wo ich aufgrund von gesellschaftsystematischer Sozialisierung (der Glaube an den vorgezeichneten Lebensweg o. Heteronormative Gesellschaftsideologie+ Naivität aufgrund fehlender Lebenserfahrung + gebrochenen Herzen und damit einhergehender emotionaler Taubheit (ich habe das betrogen werden tatsächlich als inneres knacken in der Brust wahrgenommen und mir war sofort klar was gerade passiert ist, was sich danach auch als Tatsache herausgestellt hat) zu meiner vermeintlichen ersten Großen liebe zurück gegangen bin (jaja der Hochmut sich selbst gegenüber „Ich bekomm das wieder gekittet“) bin und wie es natürlich kommen musste wieder betrogen wurde (ohne das seelisch mitzubekommen) und nach Beendigung der zweiten Beziehungsrunde dann, aufgrund der dazwischen kennengelernten „Richtigen“ in den klassischen Liebeskummer abgesoffen, welcher über Weltschmerz bis hin zu Suizidgedanken (Exitgedanke: Möchtest du aufgrund der eigenen Dummheit nochmal mit jemanden etwas anfangen der deine liebe nie verdient hat, auch noch deine Familie und Freunde mit Trauer und Leid überziehen) verläuft. Wo ich 2014 (also 16 Jahre nach dem ersten mal) das zweite mal „die Richtige“ (Gemeinsamkeiten: das Musik Ding, selbes Sternzeichen, gut über Gott und die Welt unterhalten und sich verstanden fühlen… beim Kennenlernen stundenlanges tief-intensives Küssen wobei man das Gefühl für Raum und Zeit verliert) getroffen habe war es genau die selbe Situation bloß das Ich derjenige bin welcher sitzen gelassen wurde, woraus sich also der „unerwiderten Liebe“ eine (Überbegriff) Depression>Melancholie aka Liebeskrankheit und soweit ich mich belesen habe wohl Anpassungsstörung entwickelt hat, aus Perspektive der Psychosomatik das „ohne Sie sein“ als psychosozialer Belastungsfaktor wohl seelische Erkrankung mit physiologisch korrelierten Symptom Durchschlafstörung (ständig wach werden und/oder schlafapnoe, aber auch gerne mal ein Abendtief) inkl. 2022 eines langsam im aufbau verlaufenden Gebrochenes-Herz Syndrom (Stress-Kardiomyopathie, Tako-Tsubo-Kardiomyopathie, Tako-Tsubo-Syndrom, transiente linksventrikuläre apikale Ballonierung oder Broken-Heart-Syndrom) das dann tatsächlich unfassbar starke Schmerzen in der Brust verursacht, was mir zu der Zeit allerdings ziemlich egal war bzw. das Auftreten nachts mich nicht wirklich geschockt hat. Ich war diesbezüglich belesen, es hat sich über Monate hin durch physische Schmerzstiche links in der Brust (klar zu unterscheiden vom seelischen dauerschmerz in der Mitte der Brust) angekündigt und zu der Zeit war ich in der Todessehnsuchtphase (Exit überzeugung: eer sagt schon das es im Jenseits tatsächlich besser wird) weil die Liebeskrankheit wohl über die Weltliebe (am liebsten die ganze Welt in der eigenen Liebe ertränken wollen) bis hin zu der Todessehnsucht verläuft. Alles in allem kann ich aber sagen, dass die Gesellschaft und ihre Konventionen für mich nicht wirklich gut funktioniert hat, das fing direkt in der 1.. Klasse Grundschule schon durch quasi den ersten Sozialkonflikt mit der Klassenlehrerin ebenfalls wegen ungerechter Behandlung an, welchen Ich allerdings ende des 2. Schuljahr gewonnen habe (mit Autorität untergraben hat nunmal das sagen, als 6 Jähriger) und weswegen Ich 1989 zum Psychologen musste der eine Hyperaktivität diagnostiziert hat, was ich allerdings für Unsinn halte aufgrund der sportlichen-bewegungstherapie obwohl ich absolut keinen Bewegungsmangel hatte, darüber hinaus wurde zum ende des 4. Schuljahr bei einem IQ Test ein Wert von 140 festgestellt (keine Ahnung wie aussagekräftig, kenne die range nicht) und ich weise fast alle sozialen charakteristika einer Hochbegabung (z.b, in jungen jahren Neigung sich mit älteren zu umgeben) auf. Kann ja sein das dies irgendwie relevant ist. Ebenfalls kann ich von einen leichteren aufkommen von psychischen Erkrankungen berichten, weil mein schlecht verlaufendes Arbeitsleben unter der sozialisierten systemgesellschaftlichen Prämisse „arbeiten müssen um wertvoller teil der Gesellschaft zu sein“ aufgrund der vielen Rückschläge (und meinem damalig hochmütigen Modus operandi Leistungsgesellschaft?=Noch mehr reinhängen dann muss es das nächste Mal klappen) und zuletzt in strukturell-unterbezahlter Beschäftigung (Zeitarbeit) als psychosozialer Belastungsfaktor ebenfalls Psychosomatisch mit Schlafstörungen gekickt hat ohne daß ich dabei Depressiv war und diese seelische Erkrankung erst nachdem Ich dieses Arbeitsleben aufgeben habe direkt verschwunden ist.
Also wenn jemand von etwas ähnlichem Berichtet, gerade Beziehungstechtisch, würde ich schon sagen könnte das auf Hochsensibilität hinweisen, wobei ich mir selbst nicht sicher bin, ob das damit zusammenhängt oder es einfach die eigene pro-aktive Sexualität (also ohne aus so gesagt niederen gelüsten hinaus, sondern in sexueller Freiheit für die körperliche Bedürfnisbedürfnisbefriedigung gesellschaftlich unabhängig sein) ist bzw. eine psychosexuelle Entwicklung mit welcher man den (Freud) Sekundären Narzissmus überwunden hat, welche einem zur „Bedingungslosen Zuneigung“ befähigt und in der gemeinsamen-Rückkopplung wohl Liebe ergibt. Ach ja, außer der „emotionalen Überforderung“ hatte ich nie Probleme mit Überreizungen aufgrund von lauten Geräuschen oder ähnlichem, diesbezüglich bin ich, natürlich aufgrund fehlender Selbsterfahrung, ebenfalls kritisch ob das überhaupt mit Hochsensibilität zusammen hängt.
lg