Warum Hochsensibilität überschätzt wird

Warum Hochsensibilität überschätzt wird

Und warum möglicherweise kaum jemand hochsensibel, wir aber alle hoch sensibel sind.

 

Nach wie vor gibt es relativ viele offene Fragen bei der Erforschung der hohen Reizempfänglichkeit. 

Einige Ungenauigkeiten bestehen zB bei der Frage nach Parallelen zu psychischen Erkrankungen oder bereits umfassend beschriebenen Persönlichkeitsmerkmalen. Ob Hochsensibilität nur ein Modewort ist oder ob Psychologie und Neurowissenschaften wirklich einem interessanten Phänomen auf der Spur sind, bleibt abzuwarten. In erster Linie stellt sich die Frage, ob eine hohe Sensitivität in der Reizverarbeitung angeboren (also ein Persönlichkeitsmerkmal) oder erworben sein könnte. 

 

Dass sich so viele Menschen davon angesprochen fühlen, sagt ja etwas aus. Nur was, das gilt es noch herauszufinden. 

 

Leider wird der Begriff der Hochsensibilität an vielen Stellen immer noch sehr undifferenziert behandelt. Häufig wird bemängelt, dass 

a) sich mit den Kriterien, die Hochsensibilität beschreiben, fast jeder Mensch hin und wieder identifizieren könne 

b) diese Beschreibungen kaum abgrenzbar zu Symptomen vieler psychischer Erkrankungen seien.

 

Diesen Kritikpunkten stimme ich zu. Dr. Arons ausführlicher Forschungsarbeit zum Trotz lädt der eingedeutschte Begriff der hochsensiblen Persönlichkeit in seiner begrifflichen Unschärfe dazu ein, dass sich fast jeder Mensch irgendetwas darunter vorzustellen vermag. Es zeigt anschaulich, wie ungünstig sich sprachliche und wissenschaftliche Ungenauigkeit auswirken kann. Fast niemand in der Öffentlichkeit verwendet den korrekteren Begriff der „Sensory Processing Sensitivity“, der viel treffender umschreibt, was die Hypothese der Existenz von Hochsensibilität eigentlich meint. Auch hat Dr. Aron versucht, genau abzugrenzen, wann wir eher von „Neurosen“, psychischen Auffälligkeiten bzw. psychiatrischen Diagnosen sprechen müssen. Ich bin an dieser Stelle nicht sicher, ob dies Dr. Aron ausreichend gelungen ist. Zurzeit forscht in Deutschland vor allem Dr. Susanne Konrad von der HSU Hamburg zum Phänomen „Hochsensibilität“ und zeigt sich bislang ebenfalls kritisch zur Frage der Eindeutigkeit der Merkmalszuschreibung von Hochsensibilität. 

Diese Kritikpunkte sind meines Erachtens ausschlaggebend dafür, dass Hochsensibilität solange eine Hypothese bleibt, wie die wenigen Belege nicht an Eindeutigkeit gewinnen. Auch wenn die positive Auswirkung von Salutogenese (die Wissenschaft der Entstehung und Erhaltung von Gesundheit) gegenüber Pathogenese (die Wissenschaft der Entstehung und Begünstigung von Krankheit) selbstverständlich bedeutsam ist: Es ist dennoch ohne Zweifel fahrlässig, Diagnosen zu verwässern oder Menschen trotz signifikanter diagnostischer Kriterien nicht entsprechend aufzuklären und zu behandeln. Meiner Einschätzung nach kann sich eine psychische Erkrankung aufgrund der positiven Bestärkung einer vermuteten Hochsensibilität durch unerfahrene Berater*innen auf diesem Gebiet negativ manifestieren (beispielsweise kann der Vorschlag, sich Rückzugszeiten zu nehmen, die Symptome einer vorhandenen Angsterkrankung oder Persönlichkeitsstörung verstärken). Hier braucht es Erfahrung, Feingefühl, fundierte psychiatrische Kenntnisse und natürlich auch Menschenkenntnis.

 

Es ist sehr gut möglich, dass sich weitaus mehr Menschen als hochsensibel / hochsensitiv identifizieren, als es tatsächlich sind

 

Häufig geht es Klient*innen um die korrekte (Selbst-) Einschätzung ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen hochsensiblen und hochsensitiven Persönlichkeitsaspekte. Und dies in erster Linie, um Erkenntnisse darüber zu erlangen, wie mehr Lebensqualität erzielt werden kann. Sehr wenige Menschen, die in meine Praxis kommen, sind zutiefst davon überzeugt, nur hochsensibel zu sein. Jene Klient*innen identifizieren sich stärker mit der Hochsensibilität, erfahren hierüber ein Gefühl von Zugehörigkeit und erhoffen sich mehr Anteilnahme für sich und ihre Gefühle. 

 

Geht man den dahinter liegenden Wünschen auf den Grund, wird oft eine ganz andere Problematik sichtbar. Im Ursprung behandelt, rückt die Annahme, „hochsensibel zu sein“ oft in den Hintergrund. 

 

Die meisten meiner Klient*innen und Patient*innen gehen jedoch offen und selbstreflektierend mit der Frage um, ob die erhöhte Reizempfänglichkeit denn auch mit lebensgeschichtlichen oder aktuellen Belastungen zusammenhängen könnte. Oder ob das Eine das Andere begünstigen könnte. Diese reflektierende Haltung empfinde ich als äußerst nützlich, insofern sie erst ermöglicht, Patient*innen adäquat zu behandeln und Klient*innen umfassend zu beraten. Letztendlich müssen diese Fragen zum Teil unbeantwortet bleiben – Was bleibt, ist aber ein ganz anderer Umgang mit der eigenen Persönlichkeit. 

Erst durch die Annahme dessen, was ist, können wir Veränderungen erzielen. Annahme bedeutet keineswegs Resignation. In der Annahme liegt so viel Selbstliebe begründet, dass daraus eine starke Fürsorge für die eigenen und die Bedürfnisse anderer erwachsen kann. Das öffnet wieder für die Tatsache, dass wir alle zutiefst fühlende Wesen sind. 

 

Wir werden sensibel geboren.

 

Letztlich jedes geborene Menschenkind (bei Tierkindern ist es ebenfalls so) ist ein spürendes, fühlendes, seine Umwelt be- und im Laufe der Zeit zunehmend aktiver ergreifendes Wesen, dessen Leben von dieser Austauschfähigkeit abhängt. Babys interagieren von Anfang mit ihrer Umwelt und sind keineswegs passive Empfänger. Sie ertasten und erspüren sehr genau die Atmosphäre im Raum, die Stimmungen ihrer Bezugspersonen und die Beziehungsebenen zwischen den anwesenden Personen. Diese tiefe Fähigkeit des Spürens macht uns zu lebendigen, beziehungsfähigen Wesen und beinhaltet gleichzeitig so viele Möglichkeiten für Störungen im System. Das Auftreten solcher „Störungen“ ist bei Weitem keine Ausnahme und so vielfältig und häufig der Fall, dass es im Grunde als „Normalität“ betrachtet werden kann. Das heißt natürlich nicht, dass daraus entstehende psychische Belastungen deswegen unbehandelt bleiben sollten. Viele seelische Erkrankungen sind heute sehr gut behandelbar. 

 

Psychische Erkrankungen mit hochsensibler Symptomatik können zu Verwechslungen führen.

 

Eine umfassende Anamnese und Diagnostik können natürlich nur dafür ausgebildete Personen (meinen Ausbildungshintergrund finden Sie hier) in einem persönlichen Kontakt durchführen. Ich will Ihnen dennoch einen kleinen, beispielhaften Überblick darüber geben, welche Krankheitsbilder in ihrer Symptomatik den Merkmalen der in der Literatur beschriebenen „Hochsensibilität“ ähneln. Vor allem die Verwechslungsgefahr mit einer emotionalen Hypersensibilität, die bei vielen psychischen Belastungen auftritt, ist groß.

 

Die „Sensory Processing Sensitivity“ kann natürlich auch Bereiche der Gefühle und des Zwischenmenschlichen einschließen, ist aber keineswegs darauf begründet. 

 

Deutlich wird, dass das Label „Hochsensibilität“ bislang in seiner Merkmalsbeschreibung oft so ungenau weitergegeben wird, dass es, wenn wir diagnostische Kriterien als Ausschlusskriterien heranziehen würden, einen deutlich geringeren Anteil der Menschen mit diesem Persönlichkeitsmerkmal geben müsste. In der Forschung wird Hochsensibilität jedoch vielmehr als unabhängiges Persönlichkeitsmerkmal betrachtet, welches das Auftreten psychischer Erkrankungen signifikant begünstigen kann. Vor allem die als negativ empfundenen Aspekte der gemutmaßten Hochsensibilität können auf eine Erkrankung hinweisen.

 

Trauma und Traumafolgestörungen

Die meisten, wenn nicht alle Merkmale von Hochsensibilität finden wir in der Symptomatik unbehandelter traumatisierter Menschen wieder. Viele Menschen wissen noch nicht einmal, dass sie traumatisiert sind. Wer sich mit der Hochsensibilität auseinander setzt bzw. besonders darunter leidet, sollte diesen Aspekt unbedingt mitdenken. Es ist möglich, dass die Biographie kleinere und/oder größere Entwicklungstraumata aufweist. Wer traumatisiert ist, reagiert oft empfindsam, furchtsam oder schreckhaft auf äußere Reize, ist schnell erschöpft, leicht reiz- und nervlich erregbar, sensibel und steht unter großer Anspannung. Das Trauma „sitzt“ tief im Körper und fühlt sich in aller Regel äußerst „hochsensibel“ an. Traumatisierte Patient*innen finden sich permanent in Zuständen von Übererregung bis zur völligen Überflutung wieder, was wir ebenfalls als typische Beschreibung in der Literatur zur Hochsensibilität finden. Sie springen aufgrund eines Mangels an Selbstregulationsfähigkeit sozusagen ständig aus ihrer Stresstoleranz heraus bzw. haben ein sehr kleines „Window of Tolerance“ (= Fenster der Toleranz), wie es in der Fachsprache heißt. Therapeut*innen, die auf Hochsensibilität spezialisiert sind, sollten umfassende Kenntnisse über Trauma haben.

 

Persönlichkeitsstörungen / Persönlichkeitsakzentuierung

Meist als Folge früher Traumatisierungen entstanden, zeigen sich Persönlichkeitsstörungen vor allem in Beziehungen zu anderen Menschen. Gestalten sich Beziehungen immer wieder als besonders schwierig bis unmöglich und leiden auch (oder manchmal auch nur) andere unter dem oft auch unflexiblem Verhalten, kann eine Persönlichkeitsstörung die Ursache sein. Eine hohe Sensibilität und Sensitivität finden wir vor allem bei der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung, bei der selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörung, bei der abhängigen Persönlichkeitsstörung und zum Teil bei der histrionischen Persönlichkeitsstörung. Persönlichkeitsstörungen sind heute viel besser behandelbar als noch vor einigen Jahren.

 

Affektive Störungen

Dazu zählen u.a. Ängste und Depressionen. Der sicherste Indikator, Depressionen von einer hypothetischen Hochsensibilität zu unterscheiden, ist das zeitlich begrenzte Auftreten derer Symptome, die in der Beschreibung der Hochsensibilität ähneln. Wer depressiv ist, fühlt sich auch hochsensibel, leidet aber besonders darunter, dass es „früher einmal anders“ war und hat darüber hinaus in aller Regel weitere typische Symptome, die sich unbehandelt im Verlauf verstärken können. Manche Symptome sind sehr eindeutig, manche eher versteckt. Auch wenn es eine genetische Komponente gibt, so treten Depressionen episodenhaft auf. Die Ausnahme bildet die sogenannte Dysthymia als chronische depressive Verstimmung über die Dauer von mindestens zwei Jahren. Es ist daher in jedem Fall ratsam, eine medizinisch-psychotherapeutisch geschulte Person zu Rate zu ziehen, wenn Sie sehr unter „hochsensiblen“ Gefühlen leiden.

Eine Angsterkrankung führt oft zu Vermeidungsverhalten; der Blick auf das Leben wird enger, der Handlungsspielraum ist eingeschränkt und wird zunehmend von der Angst bestimmt. Diese Erkrankung mit einer „Hochsensibilität“ zu „verwechseln“, kann besonders gefährlich sein. Das Vermeiden von Reizen mag bei Überreizung des Nervensystems ab und an sinnvoll sein, ist bei einer Angsterkrankung jedoch kontraindiziert. Hier muss ein*e Therapeut*in oder ein*e Berater*in sehr genau und gewissenhaft vorgehen.

 

ADS / ADHS

Mit am ungenauesten und schwierigsten ist die Einschätzung bei Hochsensibilität und ADS. Bei ADHS sieht es etwas einfacher aus: Das Hauptunterscheidungsmerkmal ist die Konzentrationsfähigkeit. Hochsensible Menschen können sich unter störfreien Rahmenbedingungen sehr gut konzentrieren, Menschen mit AD(H)S jedoch nicht.

 

Narzisstische Familienstrukturen, Komplementärnarzissmus

Ist eine hohe Sensibilität vor allem im Bereich der Gefühle und Beziehungen wahrnehmbar, ist es möglich, dass frühe Beziehungserfahrungen in einer narzisstischen Familienstruktur geprägt wurden. Das Aufwachsen in einem pathologisch narzisstischen Umfeld kann die Ausbildung einer eigenen Persönlichkeitsstörung oder eine entweder rebellische oder „falsche“, selbstentfremdete Identität begünstigen. Diese Kinder sind oft schon früh in ihrem Leben sehr angepasst und entwickeln ein seismographisches Feingefühl für zwischenmenschliche – auch unausgesprochene – Dissonanzen und Doppelbotschaften, die in narzisstischen Familien an der Tagesordnung sind. Diese Fähigkeit war einst überlebenssichernd und kann sich prägend auf das ganze weitere Leben auswirken. Wenn seelische oder körperliche Gewalt den Alltag in der Kindheit bestimmten, sind Körper und Geist in ständiger „Hab-Acht-Stellung“. Im Erwachsenenalter zeigen sich oftmals neurotische Strukturen, innerhalb derer diese alten Muster aufrecht erhalten werden (mussten). In der Psychotherapie können diese Mechanismen reflektiert und verändert werden.

 

Asperger-Syndrom

Eine hohe Reizempfänglichkeit ist bei der Asperger-Erkrankung symptomatisch. Betroffene sind rasch überfordert von vielen sensorischen Reizen wie grellem Licht, Geräuschen oder bestimmten Oberflächen.

 

Hypersensitivitätserkrankungen

Verschiedene Typen der Hypersensitivität (hohe körperbezogene Reizempfindlichkeit) können sich zeigen u.a. als Haut-, Darm- oder Entzündungserkrankungen.

 

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Ergänzungen? Schreiben Sie es mir in die Kommentare oder per Email an: kontakt@beziehungswerk-mainz.de

 

2 Comments
  • Hörmann Anne
    Posted at 18:43h, 26 Dezember Antworten

    …das in Ihrem Fall beschriebene vermutlich schmerzhaft erworbene Feingefühl für Dissonanzen und double binds bringt nicht nur überangepasste Individuen, sondern sicher auch Rebellen hervor, die früh unangepasst den Mut zum Ungehorsam besitzen. Geht man von einer a Priori dem Menschen innewohnenden hohen Sensibilität aller Sinne aus, kann die Eigenschaft der Hypersensibilität in der Schatz der Ressourcen gelegt werden. Schade nur, dass innerhalb grobschlächtiger Gesellschaftsstrukturen dies als Makel angesehen wird. Entscheident ist allein, was aus der Sensibilität gemacht wird oder gemacht werden kann. Das Aufwachsen in einem narzisstischen / persönlichkeitsgestörten / traumatisierenden Umfeld ist in jedem Fall eine schwere Bürde, die hier zu Lande nur von äußerst wenigen Spezialisten überhaupt aktiv wahrgenommen wird, aber ansonsten gerne in die Eigenverantwortung „weggebügelt“ wird. Die aus kausalen Zusammenhängen derartiger Familienverhältnissen entspringenden Schäden, beschädigen letztendlich das ganze Leben, im Sinne biografischer Möglichkeiten und Beziehungen. Je nach vorherrschender Lehrmethode wird der Schaden ganz leicht und auch gerne noch als Erkrankung verortet. Daraus hervorgegangene tatsächliche psychische Schädigungen sollen hier natürlich nicht negiert werden.

  • Müller, Peter
    Posted at 13:42h, 23 Oktober Antworten

    Auch eine schizoide Struktur wie Alexander Loewen sie beschreibt, scheint auf den zweiten Blick eines Vergleiches wert. Sozusagen die ständige Bedrohung durch abgespaltene Gefühle (sowie infolge deren inadäquate Regulation) als Grund für hohe subjektiv wahrgenommene Empfindlichkeit. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

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