Was ist Liebe? – Teil II: Bindungsstile und die Wahl des Beziehungsmodells

Was ist Liebe? – Teil II: Bindungsstile und die Wahl des Beziehungsmodells

Dieser Beitrag ist der zweite von drei verschriftlichten Teilen eines Vortrags, den ich am 06. Dezember 2016 für die Bar jeder Sicht, Kultur- und Kommunikationszentrum für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Intersexuelle, in Mainz gehalten habe. Zitieren ist erlaubt, jedoch nur unter Nennung meines vollen Namens und der direkten Verlinkung auf den Beitrag.

 

Wie lieben wir, warum so und nicht anders?

In der Annäherung an die Frage: „Wie lieben wir?“ ist die Auseinandersetzung mit dem persönlichen Bindungsstil entscheidend.

Bindung ist unsere Fähigkeit, in engen Bezug zu einer nahestehenden Person zu treten. Die ersten Bezugspersonen sind in der Regel die Eltern. Die Bindungsforschung geht davon aus, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis nach Bindung haben, da es das Überleben in der Gemeinschaft sichert. Ohne die Bindungsfähigkeit sowohl des Kindes als auch der Erwachsenen hätte das Baby keine Überlebenschance.

Das Bonding beginnt ca. sechs Monate nach der Geburt. Bindungsstile wurden eingehend untersucht z.B. anhand des Fremde-Situation-Tests (Mary Ainsworth) zur Untersuchung von Bindungsstilen in der Kindheit (12-18 Monate) einschließlich einer Voraussage bis zur Jugend, des Adult Attachment Interview zur Feststellung von Bindungsstilen im Erwachsenenalter und der Befragung in Form eines selbstbeurteilten Bindungsstils (ebenfalls für Erwachsene). Bei der Erforschung von Bindungsstilen Erwachsener gab es ebenfalls Versuche, Voraussagen zum Bindungsverhalten der Kinder dieser Erwachsenen zu treffen, mit erstaunlicher hoher Trefferquote.

Ein interessanter Diskussionsansatz könnte daher die Überlegung sein, dass, wenn Bindungsstile schon vorgeburtlich vorausgesagt werden können, also zum einem großen Teil vom Verhalten der ersten Bezugspersonen abhängen, die Vater-Mutter-Kind(er)-Kleinfamilie ein enges, wiederum auf kleinfamiliäre Strukturen ausgelegtes Bindungsverhalten reproduziert. Da in den meisten Fällen das frühe Bindungserleben auf ein bis zwei Personen (immer noch meist an erster Stelle die Mutter) reduziert werden kann, könnte dies natürlich auch unmittelbar das Bedürfnis nach enger Zweierbeziehung als Beziehungsstandard erklären.

 

Bindungsstil in Bezug auf Beziehungserleben und Liebesbedürfnisse im Erwachsenenalter:

 

  • Der Bindungsstil hat Einfluss auf Gefühle wie Eifersucht.
  • Es könnte sein, dass zB sicher gebundene Menschen daher theoretisch sogar eher alternative Liebesmodelle wählen würden, da sie weniger Ängste empfinden würden
  • Bei abweisend-distanzierten, ängstlichen oder besitzergreifendem Bindungsstil sind (scheinbar) entweder Selbst- oder Fremdbild eher negativ
  • Das könnte theoretisch offene/freie Beziehungsbedürfnisse wie Polyamorie oder Asexualität erschweren
  • Ebenso wahrscheinlich ist es, dass Menschen mit unsicherer Bindung sich in alternativen Modellen zuhause fühlen, da diese angstreduzierend sein können
  • Sichere Bindung = positives Selbst- und Fremdbild.
  • Der Bindungsstil hat Einfluss auf Sexualität (Sex als Barometer für Beziehungssicherheit, Sex als Zumutung usw.).
  • Der Bindungsstil ist, auch im Erwachsenenalter, veränderbar. Sogar innerhalb von Beziehungen!
  • Als Beispiel kann der Zusammenhang von Bindungserleben und Pornografie betrachtet werden:
  • Bei der Rezeption von Pornografie findet vor allem ein Ausstoß von Oxytocin und Vasopressin statt – So entsteht eine Bindung an Bilder statt an eine*n reale*n Partner*in, was für eine Verringerung der erotischen Anziehungskraft in real-zwischenmenschlichen Beziehungen sorgen kann.

 

Liebe

Liebe in der Moderne

Von egalitären Sexualbeziehungen bei Wildbeutern zu traditioneller Sachehe, von dort zur romantischen Liebesehe bis hin zu alternativen Lebensmodellen?

Was wir unter Liebe verstehen, ist natürlich sozial und kulturell geprägt. Das berühmte romantische Ideal und die sogenannte Liebesheirat als gesellschaftliche Norm sind ein relativ junges Phänomen, gerade einmal um die 100-200 Jahre alt.

Liebesbeziehungen sind demnach exklusiv, erotisch-intim und zumeist heterosexuell, die Emotionen und tiefe Zuneigung zweier Individuen füreinander stehen im Vordergrund. Leidenschaft und Dauerhaftigkeit deuten auf die wahre Romantik hin und unterscheiden auch von anderen Beziehungen. Das Elternglück spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. 

Ich gehe nicht unbedingt konform mit der verbreiteten Ansicht, dass dieses Ideal per se ein neues Phänomen sei, das nie zuvor gespürt worden wäre. Vielmehr ist heute meiner Ansicht nach schlicht mehr Raum dafür. Das mag daran liegen, dass wir weniger dringlich mit dem physischen, daher umso mehr mit dem psychischen Leben beschäftigt sind.

 

Intimität und Exklusivität vs. Freiheitsdrang und Individualismus

Romantische Liebe geht davon aus, dass es ein für uns perfekt passendes (konform gegengeschlechtliches) Gegenstück gibt. …Ärgerlich, wenn wir das verpassen.

Sie müsste demzufolge auch davon ausgehen, dass wir exakt die gleichen bzw. zueinander passenden Bedürfnisse haben, uns diese natürlich gerne und vollends gegenseitig erfüllen und komplett füreinander zuständig sind.

Erst diese Liebe ermöglicht ein Gefühl von Ganzheit im Innen, was zur Geschlossenheit nach außen führt (Intimität und Exklusivität). Eine wohlig warme Geborgenheit im Anderen und zwar nur exklusiv in ihm, die wir sonst nur in der Mutterbindung der ersten Lebensmonate finden dürften. Eine sinnliche Abhängigkeit ohne Langeweile oder Frust, da wir so gut zueinander passen, dass keiner von uns auch nur jemals das Falsche sagt, tut oder nicht tut – Wenn doch, ist er oder sie vielleicht doch nicht der oder die Richtige?

 

Kann man sich nur an einen Menschen binden?

Werner Stangl schreibt hierzu:

„Während John Bowlby auf der Grundlage seiner empirischen Befunde strikt die These vertrat, dass für den Aufbau einer stabilen Bindung die Beziehung des Kindes zu einer zentralen Bindungsperson konstitutiv sei, haben neuere Forschungen gezeigt, dass Kindern ein solcher Bindungsaufbau auch dann gelingt, wenn gleichzeitig Beziehungen zu mehreren Bindungspersonen bestehen. Dies betrifft in erster Linie eine Aufwertung der Bedeutung des Vaters, aber auch einer Pflegemutter, zu der Kinder oft intensive Beziehungen aufbauen. Hierbei wird jedoch beobachtet, dass das Kind eine deutliche Unterscheidung zwischen den verschiedenen Bindungspersonen vornimmt, indem es ihnen unterschiedliche Funktionen zuordnet (z.B. bleibt die leibliche Mutter häufig die zentrale Bindungsperson, an die das Kind sich vorrangig wendet, wenn es sich schlecht fühlt). Selbst sehr kleine Kinder sind in der Lage, etwa die Beziehung zu einer Tagesmutter in einer Kindertagesstätte auf einen funktionalen Aspekt zu reduzieren, wenn sie vorher zu ihrer primären Bindungsperson eine sichere Bindung aufgebaut haben. Die Eingewöhnung gelingt nachweislich besser, wenn das Kind in der Anfangsphase von der Mutter begleitet und somit schonend in die neue Situation eingeführt wird.“ (Quelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ERZIEHUNG/Bindung.shtml © [werner stangl]s arbeitsblätter)

Wer das Buch „Sex – die wahre Geschichte“ von Christopher Ryan und Cacilda Jethá gelesen hat, weiß, dass hier ein Modell von gänzlich unmonogamen Strukturen frühester menschlicher Kulturen vorgestellt wird. Wir wissen, dass die frühen Menschen als Wildbeuter in Verbänden von bis zu ca. 150 Menschen lebten und sehr enge, intime Bindungen untereinander hatten. Die AutorInnen der Buches gehen davon aus, dass in diesen Gruppen großfamiliale Strukturen herrschten, was neben der Vielheit sexueller Beziehungen auch dafür sorgte, dass Kinder von allen Gruppenmitgliedern großgezogen wurden, was anscheinend viele Vorteile hatte. Warum das so gewesen sein könnte, welche Vorteile diese Lebensweise hatte etc. kann man im Detail in dem Buch nachlesen. Ich möchte jedoch davor warnen, sich mit biologistischen / evolutionspsychologischen Argumenten zufrieden zu geben bzw. diesen einen allzu hohen Stellenwert beizumessen. Fakt ist, wir wissen letztendlich nicht, wie unsere Vorfahren und aus welchen Gründen sie so oder anders gelebt haben, und uns Menschen zeichnet ja vor allem die Eigenschaft aus, uns stetig, auch selbstreflexiv, weiter zu entwickeln, sensibel, komplex und jede*r einzigartig in unseren Strukturen. Biologistische Ansätze sind einfach, zu einfach, und daher als schablonenhaftes Erklärmodell für sämtliche menschliche Verhaltensweisen kaum geeignet. 

Romantik und Liebe heute sind daher:

    • immer! auch soziale/kulturelle Prägung in unserer Gesellschaft
    • Der Versuch, den beiden Polen von Bindung und Autonomie (siehe Beitrag Teil I) gerechter zu werden
    • Zum Einen übersteigert, zum Anderen versachlicht
    • Erwartung: komplette Bedürfnisbefriedigung und „Zuständigkeit“ in der Liebesbeziehung
    • Gleichzeitig: Individualität

 

Wie wollen wir lieben? Was ist Normalität?

So sehr auch versucht wird, Strukturen und Ordnung in das Tohuwabohu von Liebe zu bringen, sie scheint ein diffuses, höchst individuelles Konstrukt zu bleiben.

Wie erlebe ich die Auswirkungen von Erwartungen an Normative in der Paartherapie und Beziehungsberatung, womit „schlagen“ sich Liebende mehr herum – mit ihren Beziehungsschwierigkeiten im Zweiersystem oder mit den Schwierigkeiten, dass die Partnerschaft den Normen und Erwartungen (sozial, kulturell, gesellschaftlich und familiär geprägt) nicht entsprechen? Eine verallgemeinernde Antwort gibt es darauf nicht. Was aber auffallend ist: Wenn es Paaren gelingt, sich ihre eigenen, individuellen Normen und Werte zu schaffen und sich zum Teil von äußerem Erwartungsdruck zu lösen, hat die Beziehung eine Chance, intimer und inniger zu werden. 

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Die Bedeutung von Sexualität in der Liebe

Dass Sexualität als Begriff und Modell vielfältig ist, zeigen auch hier die feingegliederten Kategorien, wie z.B. Autoerotik, Hetero, Homo, Bi, Trans, Inter, Petting, Kuschelsex, Fetisch, BDSM, Asexualität und alle Untergruppen davon, Bigynie, Polygamie, Monogamie, Monoamorie, Polygynie, Polyandrie, Polyamorie oder Polygynandrie, Promiskuität, Polysexualität, Pansexualität, Omnigamie usw. Sexualität und Liebe als Spektrum aufzufassen, gibt der vorhandenen Vielfalt den nötigen Raum. 

Beim Begriff Sexualität geht es sowohl um Identität und Selbstwahrnehmung im Spektrum der Zugehörigkeiten zu einem Geschlecht (Geschlechtsidentität, sex, gender), um die momentan gelebte (gewählte oder unfreiwillige) Form von Sexualität als auch die sexuelle Präferenz oder Orientierung

Der uns Menschen der Moderne immer wieder unterstellten mangelnden Liebesfähigkeit zum Trotz scheinen wir heute uns doch sehr viel mehr Liebesfähigkeit zu gestatten, sonst gäbe es wohl kaum diese große Auswahl.

Auf die Frage, was eine Liebesbeziehung von anderen engen Beziehungen unterscheidet, wird fast schon reflexhaft Sexualität als Hauptkriterium genannt. Dass Sex als Modus Operandi für intime und exklusive Bindungen angesehen wird, ist ein kaum hinterfragtes Beziehungsnarrativ. Freundschaft ist zum Beispiel keine Konkurrenz zur intimen Zweierbeziehung, wenn implizit angenommene Grenzen bewahrt werden. Selten findet hier ein bewusster und wirklich tiefgreifender Aushandlungsprozess zwischen Liebenden statt.

Beziehungen außerhalb der exklusiven Zweierbeziehung dürfen daher nicht zu intim, weder emotional noch physisch, sein. Viele Menschen sind darauf bedacht, EINE besondere Intimität / Exklusivität zu „haben“ und aufrecht zu erhalten. Sexualität wird als Gradmesser und Intimitätsfaktor benutzt, oftmals die im Lebensverlauf sich wandelnden und auch grundsätzlich persönlichen Unterschiede beim Thema sexuelles Verlangen ausklammernd.

Als Beispiel: Ein Mensch, der/die sich offen als asexuell bezeichnet, kann in unserer Gesellschaft mit Mitleid, Spott, Unverständnis oder Abwertung rechnen, seltener mit Akzeptanz oder gar der Unterstellung, gleichermaßen erfüllende Beziehungen führen zu können und dies auch ebenso zu tun wie sexuell interessierte Menschen. 

Das Bedürfnis, Exklusivität anhand bestimmter und allgemeingültig bestimmender Verhaltensweisen (Sex: In / No Sex: Out) zu messen, kann einer wenig hinterfragten Norm geschuldet sein, es können ebenso berechtigte Ängste wie die Angst vor Einsamkeit, dem Zurückgelassen werden etc. ursächlich sein. Ein urmenschliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit wird hier bewältigt, ebenso wie die Scheu vor der Auseinandersetzung mit der unangenehmen Wahrnehmung, im Kern voneinander isolierte Wesen zu sein. 

In der Fachwelt wird darüber diskutiert, ob der Wunsch nach Exklusivität in der Intimität in der engen Zweierbeziehung erlernt oder angelegt ist (90-95% der Menschen wünschen sich sexuelle Treue in ihrer Partnerschaft, die Realität sieht trotzdem anders aus). Der Treuewunsch gilt in dieser Ausprägung in der Regel nur in engen Liebesbeziehungen, nicht in Freundschaften oder der Familie (Wir grenzen zum Beispiel ab, ob es sich um „meinen‘ Freund oder „einen“ Freund handelt).

 

Sexualität als Spektrum verstehen

Die Räume von Sexualität und Beziehungen ausweiten hieße, sich von Standardnarrativen zu entfernen bzw. diese zu hinterfragen.

Sexualität ist, entgegen verbreiteter Annahmen, individuell. Zwischen-Menschliche Sexualität ist kein reines Instinktverhalten, sondern eine komplexe, auch von Entscheidungsprozessen getragene Verhaltensweise (damit ist nicht die sexuelle Orientierung gemeint). Wie Sexualität verstanden, gelebt und in die Gesellschaft eingebunden ist, hängt auch entscheidend von soziokulturellen Normen ab (Stichwort „Sexualmoral“).

Die Möglichkeit, Sexualität als Spektrum zu begreifen, sollte m.E. stärker im gesellschaftlichen Denken verankert sein, ohne dem/der Einzelnem/n die individuelle Präferenz abzusprechen. Was genau das bedeuten kann, wird das Thema des dritten Teils der Beitragsreihe sein. 

 

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