Psychotherapie und Hochsensibilität

Psychotherapie und Hochsensibilität

Im heutigen Beitrag soll es darum gehen, wie Psychotherapie bei Hochsensibilität einzuschätzen ist und wann diese sinnvoll ist.

Zwischen Beratung und Psychotherapie gibt es einige Unterschiede, auf die ich in einem anderen Blogbeitrag noch näher eingehen werde.

Es ist entscheidend und wichtig zu verstehen, dass Hochsensibilität nicht „diagnostiziert“ werden kann.

Auch wenn es zur Hochsensibilität seit einigen Jahren immer mehr Literatur und wissenschaftliche Studien gibt, gibt es jedoch keine übergeordneten Richtlinien, die eine globale, einheitliche Definition beinhalten.

Diagnostische Leitlinien sind weltweit bis auf geringe länderspezifische Definitionsabweichungen in einheitlichen Klassifikationssystemen festgelegt. In Deutschland gilt derzeit die ICD-10, herausgegeben durch die Weltgesundheitsorganisation WHO, nach deren Leitlinien sämtliche klinischen Diagnosen gestellt werden müssen. Für die psychischen Erkrankungen wird das Kapitel V herangezogen; in den USA gibt es die vergleichbare DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders).

 

Gäbe es also international anerkannte diagnostische Kriterien für Hochsensibilität, so müssten diese in der ICD-10 und dem DSM festgehalten sein. Somit hätte die Hochsensibilität einen Krankheitswert.

Da bei HS jedoch von einem Persönlichkeitsmerkmal und nicht von einer Krankheit ausgegangen wird, kann (und sollte) Hochsensibilität nicht in den Katalog der ICD-10 aufgenommen werden und ist somit auch nicht als Diagnosekriterium im ärztlich-medizinischen oder psychotherapeutischen Bereich zulässig.

Trotzdem kann die Hochsensibilität / Hochsensitivität der Anlass sein, psychotherapeutische Unterstützung zu suchen. Es ist einleuchtend, dass je nach Lebensumständen natürlich auch hochsensible / hochsensitive Menschen ein Risiko für psychische Erkrankungen haben können (jedoch keineswegs zwangsläufig haben müssen!). Viele Expert*innen sind sich einig, dass Hochsensibilität besonders häufig zu Schwierigkeiten in der Lebensführung führen kann, wenn das Umfeld und die Lebensumstände, in denen das hochsensible Kind aufgewachsen ist, eher belastend, unbeständig und weniger zugewandt und verständnisvoll waren.

Nicht eine schwierige Biographie sorgt zwangsläufig für Schwierigkeiten im weiteren Lebensverlauf, sondern die Tendenz zu erhöhter Verletzbarkeit (=Vulnerabilität) in Verbindung mit als belastend empfundenen Lebensumständen.

Es sind also die verletzbaren Menschen, die auch stärker gefährdet sind, seelische Verletzungen zu erleiden.

 

Sind Hochsensitive/Hochsensible auch stärker verletzbar? Darüber lässt sich streiten.

Was mir jedoch definitiv in meiner therapeutischen Arbeit begegnet, sind immer wieder sehr intelligente und reflektierende hochsensible Menschen. Einfühlungsvermögen und Reflexionsfähigkeit sind die beiden Aspekte, die Hochsensiblen „schlaflose Nächte“ bereiten.

Weil sie ihre feinen Antennen oftmals dazu verwenden, sich sehr auf das Außen auszurichten, kommen sie häufig mit einer Mischung aus Wut, Scham und Erschöpfung zu mir in die Praxis. Sie wollen die hohe Wahrnehmung abstellen, sich selbst gewissermaßen „abschalten“, sich gleichzeitig aber nicht dafür schämen, dies tun zu wollen.

Diese Menschen versuchen dann, Belastungen durch ihr „Alles-Spüren“ in Schach zu halten, indem sie sich bemühen, den Reaktionen der Umwelt immer schon einen Schritt voraus zu sein. Das hohe Einfühlungsvermögen wird also auch genutzt, um Belastungen zu reduzieren. Zum Beispiel, indem versucht wird, sich so sehr einzufühlen, dass nichts Unerwartetes, Beschämendes, Verletzendes geschieht. Hochsensible haben auch in der Regel eine sehr hohe Quote, was diese Vorausahnungen angeht – was nicht überrascht.

Der ursprüngliche Lösungsversuch jedoch, der auf die Reduzierung der Belastungen abzielte, scheitert. Warum?

 

Ängste, Depressionen, Burnout und andere psychische Erkrankungen sind typische Begleiter hochsensibler Menschen, die gelernt haben, ihre Fähigkeiten eher auf die Umwelt als auf sich selbst auszurichten.

Sie sind meist der festen Überzeugung, sie seien dieser Außenorientierung hilflos ausgeliefert, was zwar nicht stimmt, aber eine hohe Kraft hat. Oftmals geht es in der Therapie mit Hochsensiblen/Hochsensitiven deshalb darum, eigene Bedürfnisse zu erkennen, aber auch, Kontrollfantasien loszulassen.  

Psychotherapie ist immer sinnvoll, wenn eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung im Vordergrund steht. Dies gilt natürlich ausnahmslos, ob ein Mensch hochsensibel ist oder nicht, wenn dieser Mensch Leidensdruck hat. Hochsensibilität mitzudenken oder als Therapeut*in mindestens eine Idee davon zu haben, führt in der Regel schneller auf den richtigen „Pfad“ und erspart diagnostisches und therapeutisches Tappen im Dunkeln. Hochsensibilität schließt oft, sowohl für Patient*innen als auch Therapeut*innen, eine wichtige Lücke zwischen Diagnose und Persönlichkeitsstruktur, die für die Behandlung äußerst sinnvoll sein kann. Daher müssen Patient*innen, wenn eine psychische Belastung vorliegt, behutsam an die Möglichkeit eines „sowohl als auch“ von Hochsensibilität und einer psychischen Erkrankung statt „entweder oder“ herangeführt werden. 

In einem weiteren Beitrag gehe ich darauf ein, was Hochsensibilität ist und was nicht und wie man in der Psychotherapie Abgrenzungen vornehmen und Überschneidungen erkennen kann.

Es bleibt zu sagen:

„Psychotherapie ist viel zu schade, um nur Kranken vorbehalten zu sein“ (Erving Polster, Gestalttherapeut).

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