Warum Beziehungskonflikte normal sind.

Warum Beziehungskonflikte normal sind.

Beziehungsprobleme können sich wie ein endloses, unentwirrbares Knäuel anfühlen. Hinter dem Frust und Ärger stehen oft aufgestaute Enttäuschungen und unerfüllte Bedürfnisse.

Der Wunsch, das Knäuel zu ent-wickeln, kann wörtlich genommen werden. Oft sind es erst die Probleme und Schwierigkeiten in der Beziehung, die den entscheidenden Impuls geben, die Partnerschaft oder Freundschaft aufs „nächste Level“ bewegen. Wenn an Problemen starr festgehalten wird oder sie ignoriert werden, stagniert die Ent-wicklung.

Schwierigkeiten können als Wegweiser betrachtet werden, die sagen: „Hier entlang geht es weiter!“. Krisen sind oftmals die Schubkraft, die unerfüllte Bedürfnisse ans Licht bringt. Erst, wenn man Bedürfnisse erkannt werden, eröffnet sich die Chance, sie auch erfüllt zu bekommen oder sich selbst zu erfüllen.

 

Ab wann ist eine Beziehung gescheitert?

Die meisten Menschen kommen erst relativ spät in eine Paarberatung. Also dann, wenn die Krise so übermächtig geworden ist, dass es kaum mehr Gemeinsames gibt oder der Alltag nur noch aus zermürbenden Kämpfen besteht.

Viele nehmen eine zunehmende Entfernung zum/zur Partner*in hilflos wahr und können sich kaum mehr erinnern, was sie am Anderen einmal faszinierend fanden. Wenn diese Menschen dann in die Paarberatung kommen, haben sie meist das Gefühl, als sei ihre Beziehung eigentlich schon so gut wie gescheitert.

Für manche Paare mag das sogar stimmen. Andere wiederum müssen sich erst „eine Weile im Kreise drehen“, damit neue Wege überhaupt sichtbar werden können. Es ist völlig normal, dass Menschen ausdauernd und fixiert an den gleichen Strategien festhalten, um Schwierigkeiten zu lösen und für sich zu bewältigen.

In einer Partnerschaft, aber auch in anderen engen zwischenmenschlichen Beziehungen, prallen Welten des Erlebens und individuelles, familiär geprägtes und von den Eltern abgeschautes Beziehungsverhalten aufeinander.

Spätestens nach der ersten Verliebtheits- oder Kennnenlernphase werden diese vorher reizvoll empfundenen Gegensätze schmerzhaft sichtbar. Die Enttäuschung und der Ärger über das „Anders Sein“ des/der Partner*in ist eine der ersten Hürden in einer tiefen Partnerschaft.

Fast jede nahe und wichtige partnerschaftliche Beziehung kommt früher oder später an den Punkt dieses verknoteten Knäuels bzw. des Teufelskreises des „immer wieder mit den gleichen Strategien Altes lösen wollen“ – wenn sie nicht zugunsten eines neuen Versuchs vorzeitig abgebrochen wird, in dem es aber in der Regel in neuer Besetzung zum gleichen Verhalten kommt, weil die ursächlichen Konflikte nicht geklärt werden konnten. So kann man oft vielmehr von einem Scheitern bisheriger Lösungsversuche als von einer gescheiterten Beziehung sprechen.

Eine Partnerschaft, die sich über längere Zeit entwickeln durfte, in der bereits viele Krisen bewältigt und viele Lösungswege gegangen und ausprobiert wurden, betrachte ich niemals als gescheitert.

Menschen und das Leben verändern sich, und so auch unsere Beziehungen. Manchmal bewegen sich Menschen aufeinander zu und ein anderes Mal voneinander weg. Eine Freundschaft oder Liebesbeziehung im Rückblick nur unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, was alles nicht gelungen ist, wird den allerwenigstens Partnerschaften gerecht. Eine Trennungsentscheidung als Ergebnis in der Paartherapie kann einen gleichermaßen gelungenen Prozess wie die erneute Annäherung innerhalb der Paarbeziehung darstellen.

 

Je stärker Paare sich aneinander aufreiben, desto stärker ist der Wunsch nach Kontakt und Erfüllung von Bedürfnissen.

Streit in einer Beziehung ist eine wesentlich geringere Gefahr als Resignation, Kälte und Gleichgültigkeit. 

Es kann sein, dass in der Partnerschaft eine Person ein starkes Streben nach Zuwendung hat, während die andere Person eher das Bedürfnis nach Distanz auslebt. Je mehr Zuwendung die erste Person einfordert, desto wichtiger wird der Wunsch nach Distanz bei der zweiten Person. So lebt jede Person einen Anteil menschlicher Bedürfnisse in der Partnerschaft aus – und kann diese nur so exzessiv ausleben, wie der/die Andere den Gegensatz lebt. Was würde geschehen, wenn eine/r der beiden das Gewicht des bisher Gelebten in Richtung des entgegengesetzten Pols verlagern würde?

Veränderungswünsche erfordern Mut zur Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen – den gelebten genau wie den ungel(i)ebten. Unsere Partnerwahl birgt daher immer auch eine große Chance. Sie lädt uns ein, die ungelebten und ungeliebten Anteile zu betrachten. Unser/e Partner*in präsentiert sie uns oft (natürlich unbewusst!) auf dem Silbertablett. Der große Ärger in einer Partnerschaft kann uns auf die „Straße der Selbsterkenntnis“ führen, wenn wir das möchten.

Ein spannendes Interview gab der Analytiker und Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer dazu, wie Beziehungskonflikte entstehen und was Paartherapie leisten kann – und was nicht.

No Comments

Poste einen Kommentar

*